Frau Gräf mit Helmut und Elfriede Sandler 1987 am 40jährigen Jubiläum von helsaFrau Gräf heute am 70jährigen Jubiläum von helsa
02.05.2017 helsanews, helsainside

„Am Anfang waren wir wie eine Familie“

Interview mit helsa Gründerfrau Frau Magdalena Gräf

Im Rahmen unseres Jubiläumsjahres, in dem helsa 70 Jahre alt wird, durften wir mit Frau Magdalena Gräf (85) sprechen, die die Gründung unserer Firma 1947 hautnah miterlebt hat. 

Liebe Frau Gräf, beginnen wir doch ganz am Anfang. Wie und wann kamen Sie zu Helmut Sandler?


Der Anfang war das Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir sind 1945 als Flüchtlinge aus Niederschlesien (das ist jetzt polnisch) hier hergekommen, meine Mutter und wir sieben Kinder. Mein Vater in Frankreich hat während des Krieges die Front verfolgt. Er hat gesehen, dass die Russen kommen. So sind wir zu Bauern nach Niederlamitz gekommen. Und da waren wir arm, arm, arm. Wir haben alle in einem Zimmer gewohnt, eine schlimme Zeit.

14 Jahre war ich alt, ohne Schulabschluss. Doch ich musste arbeiten gehen, denn wir brauchten den Beschäftigungsnachweis dringend. In die Porzellanfabrik am Ort wollte ich auf gar keinen Fall. Ich wollte immer Hüte machen, Modistin werden, das war mein Traum. Letztlich bin ich auf der Insel Borkum gelandet für eineinhalb Jahre Pflichtjahr „Arbeit im Haushalt“ bei einer Unternehmerfamilie.

1947 hat mich dann Helmut Sandler eingestellt, zusammen mit vier anderen Flüchtlingsmädchen. Neben der Wattefabrik seines Vaters in Schwarzenbach, der Lamitzmühle, hatte er einen größeren Raum, wo wir gearbeitet haben. Die „Rupfenzupfen“, also die zerrissene Stoffe aus der Fabrik, haben wir auf dem Schoß gehabt und auf eine geleimte Unterdecke draufgelegt, etwas mit der Hand geformt und dann zusammen mit der Oberdecke mit einer Filznadel festgenadelt. Das musste man im Gefühl haben, das mit dem Formen und Zurechtzupfen. Zum Schluss wurde das Polster mit dem Bandschneider in der Mitte auseinandergeschnitten.

Das mit den Schulterpolstern lief sehr gut, denn zu der Zeit konnten die Schultern ja nicht dick und breit genug sein! Wir konnten Tag und Nacht arbeiten. Ganz langsam hat es sich auch gebessert mit der Nahrung und der Armut. Ein Jahr später kam dann die Einführung der D-Mark, und damit auch die wöchentlichen Lohntüten. Vorher gab es Reichsmark, und noch Lebensmittelmarken im Rathaus.

Wie ging es für Sie bei helsa weiter?

Im Lauf der Zeit hab ich mich dann langsam hochgearbeitet, durch Sauberkeit, Fleiß und Ordnunghalten. Ich konnte zum Glück meine beiden Kinder bei den Omas lassen und voll arbeiten. Mein Mann, Hans Gräf, war auch bei helsa, im Vertrieb. Er war viel unterwegs bei den Kunden. Wir hatten beide ein sehr gutes persönliches Verhältnis mit dem Chef. Helmut Sandler war ein ganz gutmütiger Mensch, ein lustiger und guter Mensch. Die Chefin Elfriede Sandler, eine ganz hübsche junge Frau, war im Büro. Am Anfang waren wir wie eine Familie. Wir wurden zu vielen Feiern eingeladen.

Bevor wir dann 1952 nach Gefrees umgezogen sind, hat der Helmut in Schwarzenbach noch eine große Halle gebaut, in der Fließbänder standen. Das System wurde modernisiert, aber es war immer noch Handarbeit nach Gespür. Wir haben Aufträge gehabt noch und nöcher, so dass wir samstags bis Mittags und teils auch sonntags gearbeitet haben.

Als helsa so gewachsen ist, dass es nach Gefrees umgezogen ist, wollte ich erst nicht mit, habe mich aber doch überzeugen lassen. Dort war ich dann Vorarbeiterin im Werk. Ich war eine richtige Marathon-Rennerin, das war schon heftig und anstrengend. Ich war lange in der Zuschneiderei bei den riesigen Stanzen. Letztlich war ich 42 Jahre lang war bei helsa, bis ich mit 58 Jahren 1989 in den Ruhestand gegangen bin.

Wie war das Arbeiten bei helsa?

Es gab schon unglaublich viel zu tun. Wir hatten dann auch bald Schichtarbeit, sonst hätten wir die Aufträge gar nicht geschafft. Aber wir hatten auch tolle Feiern und große Betriebsausflüge. Einmal, ganz zu Anfang, sind wir mit drei Bussen an den Rhein gefahren. „Einmal und nie wieder“, war Helmuts Fazit, denn da gab es für uns junge Mädchen ordentlich was zu trinken und viele Studenten...

Heute lebt helsa ja sehr von innovativen Ideen und Produkten. War das schon immer eine Triebfeder bei helsa?

Ja, Helmut Sandler hat es immer sehr honoriert, wenn Ideen von Mitarbeitern kamen, wie man Prozesse optimieren kann. Was eine echte Zeitersparnis bedeutet hätte, hat sich Helmut Sandler immer angehört und auch meistens zur Zufriedenheit aller umgesetzt. So ging es oft und immer hatte er ein offenes Ohr.

Frau Gräf, Sie scheinen sehr mit der Familie Sandler und ihrer Firma verbunden gewesen zu sein?

Sie haben mich und meinen Lebenslauf sehr stark geprägt, ja. Nach meinem Ausstand bin ich mit ihnen in Verbindung geblieben. Nach der Feier zu seinem 80. Geburtstag hat er sich – ganz die alte Schule – schriftlich bei mir bedankt: „Es hat mich gefreut, dass Sie gekommen sind, um mit mir meinen 80. Geburtstag zu feiern. Sie waren eine der ersten Mitarbeiterinnen nach der Gründung meines Betriebes am 1. April 1947. Ich denke gerne an die Zeit, wo meine Firma noch ein echter Familienbetrieb war und jeder jeden kannte.“

 

Liebe Frau Gräf, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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